Frauen fahren besser

Frauen oder Männer

Wer fährt denn nun besser?

Das Klischee ist uralt und fällt trotzdem immer wieder: Frauen sollen schlechter Auto fahren als die Männer. Alles Quatsch – oder vielleicht doch die Wahrheit? Wissenschaftliche Studien geben keine klaren Antworten.

Vor einiger Zeit sorgte die Suva mit einer Medienmitteilung für Wirbel. Im Frühjahr 2013 gab die Schweizerische Unfallversicherung bekannt, dass Autofahrerinnen im Vergleich zu den Männern ein höheres Unfallrisiko tragen. Die Suva hielt unter anderem fest, dass sich Frauen und Männer beim räumlichen Orientierungsverhalten unterscheiden würden, was beim Autofahren stark ins Gewicht falle. Auch Stress beeinträchtige die Fahrfähigkeit der Frauen stärker als jene der Männer.

Die Erkenntnisse der Suva stiessen nicht überall auf Anklang – im Gegenteil. Die bfu-Beratungsstelle für Unfallverhütung meldete sich ebenfalls zu Wort und widersprach vehement: «Für die Ausrichtung der Unfallprävention bilden die absoluten Unfallzahlen die relevante Grösse, nicht die relativen Risiken», schrieb die Beratungsstelle in einer Mitteilung. Analysiere man die absoluten Unfallzahlen, zeige sich, dass zwei von drei schwerverletzten oder getöteten Autolenkern Männer seien.

Junge Frauen fahren sicherer

Die Episode aus dem Jahr 2013 zeigt: Das Thema «Frauen und Autos» gibt zu reden – und das immer wieder. Spannende Erkenntnisse zu dem Thema lieferte im vergangenen Jahr die Hochschule Luzern (HSLU). Diese räumt in einer ausführlichen Studie mit dem mit dem hartnäckigen «Frauen können nicht Auto fahren»-Klischee auf. Mitautor und Verkehrsexperte Timo Ohnmacht vom Kompetenzzentrum für Mobilität der HSLU betont: «Die Tatsache, eine Frau zu sein, kann je nach Alter positive oder negative Auswirkungen auf das Unfallgeschehen haben.»

Fakt ist: Junge Frauen verursachen weniger Unfälle als junge Männer – später ist es jedoch genau umgekehrt. Das kann gemäss Ohnmacht damit zu tun haben, dass viele Frauen höheren Alters nach einer langen Phase auf dem Beifahrersitz wieder ans Steuer zurückkehren – dies etwa nach dem Tod des Ehemannes. Da die Routine am Steuer in diesen Fällen häufig fehlt, steigt das Unfallrisiko. Auf der anderen Seite sind männliche Junglenker häufiger Verursacher von Unfällen als ihre Altersgenossinnen, was unter anderem auf mangelnde Erfahrung und (männlichen) Übermut zurückzuführen ist.

Unterschiedliche Unfallgründe

Die Studie der Hochschule Luzern zeigt darüber hinaus, dass zumindest eine gängige Vermutung der Wahrheit ent- spricht: Frauen und Männer verhalten sich im Strassenverkehr anders. Verursachen junge Männer Unfälle, ist dies oftmals auf ein «situativ unangepasstes Verhalten» zu- rückzuführen. Heisst: die Männer fahren zum Beispiel zu schnell. Bei jungen Frauen sind hingegen Unfälle aufgrund von einem «Fehler bei der Beachtung von Verkehrsregeln» überproportional häufig; etwa weil ein Rechtsvortritt übersehen wurde. Auch dieses Verhältnis kehrt sich mit zunehmendem Alter um, was die Vermutung über den Wiedereinstieg in die Fahrkarriere älterer Damen unterstützt.

Zahlreiche Studien zeigen zudem, dass Männer ein deutlich höheres Risiko aufweisen im Strassenverkehr tödlich zu verunglücken als Frauen. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass Männer teilweise eine deutlich höhere Fahrleistung als Frauen aufweisen – und die Frauen wiederum häufiger in leistungsschwächeren Fahrzeugen unterwegs sind und zudem oft zu anderen Zeiten und auf anderen Strecken Auto fahren als Männer. «Das Kind in die KITA zu fahren, danach zum Sport, dann die Einkäufe erledigen und das Kind nach dem Mittagstisch zur Musikschule zu fahren birgt grundsätzlich mehr Gefahren, als eine lange Strecke auf der Nationalstrasse als Mann zurückzulegen – jedoch sind diese innerstädtischen Unfälle nicht so verheerend, wie die Hochgeschwindigkeits-Unfälle der Männer», erklärt Timo Ohnmacht.

Höhere Sozialkompetenz hilft

Spannend auch dies: Gemäss diverser Studien sind es insbesondere junge Männer, die häufiger unter Alkoholeinfluss fahren, die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschreiten, den Sicherheitsgurt nicht tragen und mit zu geringerem Abstand zum Vorausfahrenden unterwegs sind. Dass es sich bei diesen «konfrontativen» Fahrern oft um Männer handelt, vermag den Berliner Verkehrspsychologen Edmond Wirzba nicht zu überraschen. «Auch wenn sich die Unterschiede immer mehr verwischen, stecken noch immer uralte Verhaltensmuster in jedem von uns», meint der Mediziner gegenüber dem Magazin «auto motor sport». Oder mit anderen Worten: «Frauen haben sich um die Gemeinschaft, um Kinder, Alte und Schwache gekümmert. Männer haben den Bären gejagt.» Das Fazit des Berliner Verkehrspsychologen fällt deshalb wie folgt aus: «Frauen können nicht besser Auto fahren als die Männer, aber ihre höhere soziale Kompetenz macht sie zu besseren Autofahrern.»

Keine Frage: Im Zusammenhang mit dem Fahrverhalten von Männern und Frauen existieren zahlreiche unterschiedliche und bisweilen überraschende Faktoren, wovon die einen für und wieder andere gegen Frauen sprechen. Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern bilanziert deshalb nüchtern: «Die statistische Analyse zeigt, dass die Zusammenhänge komplex sind und eine eindimensionale Analyse allenfalls zu falschen Schlussfolgerungen führen könnte.»

Unfallzahlen gehen statistisch gesehen stetig zurück

2015 kam es auf Schweizer Strassen gemäss den Statistiken des Bundesamtes für Strassen (ASTRA) zu insgesamt 17736 Unfällen mit Personenschaden. Dabei wurden 253 Menschen getötet sowie 3830 schwer und 17 708 leicht verletzt. Somit starb im Strassenverkehr durchschnittlich alle 35 Stunden eine Person. Trotz wachsenden Verkehrs ist die Anzahl der auf Schweizer Strassen getöteten Personen in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Auch bei der Anzahl Verletzten ist ein Rückgang zu beobachten.

Auffällig: Gemäss des Statistikportals Statista sind bei Unfällen mit schweren Personenschäden besonders häufig Männer betroffen. Kam es zwischen 2010 und 2014 im Strassenverkehr in der Schweiz zu Schwerverletzten, handelte es sich dabei in 66 Prozent der Fälle um Männer. Bei den getöteten Unfallopfern liegt der Männeranteil gar bei 74 Prozent.

Erhebliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es auch bei der Anzahl Fahrstunden. Gemäss den Zahlen des Schweizerischen Fahrlehrervergleichs absolvierten Frauen im Jahr 2015 durchschnittlich 29 Fahrschulstunden – Männer hingegen nur gerade deren 20.

Daniel Schriber / Bild iStock

Autor: Daniel Schriber

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